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Werden wir bereits böse geboren?
Schon Babys handeln laut einer Studie moralisch. Bestimmen also die Gene, ob ein Kind als Erwachsener zum Menschenfreund oder zum Monster wird? WELT ONLINE sprach mit Psychologie-Professorin Karen Wynn über Sozialkompetenz, Erziehung und das Gewissen von Massenmördern.
WELT ONLINE: Frau Wynn, in welchem Alter erlernt ein Kind positives Sozialverhalten?
Karen Wynn: Schon sehr kleine Babys zeigen ein deutliches und meines Erachtens auch angeborenes oder wenigstens evolutionär eingebautes Sozialverhalten. Wir haben Studien durchgeführt mit sechs und zehn Monate alten Babys. Dafür machten wir die Babys mit „Puppen“ vertraut, die aus je einem runden, quadratischen und dreieckigen Holzklotz bestanden, denen wir große Augen angeklebt hatten. Je eine der „Puppen“ mühte sich ab, einen Hügel zu erklimmen. Eine half ihr dabei. Eine andere schubste sie hinunter. Danach forderten wir die Babys auf, sich eine Puppe auszusuchen. Fast alle zogen die „Helferpuppe“ der „Verhindererpuppe“ vor.
WELT ONLINE: Warum sollte dieses Verhalten „eingebaut“ und nicht erlernt sein? Schließlich leben auch Babys in keinem sozialen Vakuum.
Wynn: Zehn Monate alte Kinder sind sicherlich einem hohen Grad an Prägung ausgesetzt. Aber sechs Monate alte Babys hatten noch keine ausreichende Gelegenheit, dieses Verhalten zu erlernen. Sie können gerade sitzen, reagieren auf ihren Namen, verfügen aber noch nicht über sprachliche Ausdrucksmittel. Eine größere „soziale Welt“ eröffnet sich erst, wenn sie beginnen zu krabbeln und Entscheidungen treffen, auf wen sie „zugehen“. Wir haben ähnliche Resultate auch schon bei drei Monate alten Babys gesehen. Das lässt doch sehr darauf schließen, dass wir es mit einer Fähigkeit zu tun haben, die bereits ganz stark und ausgeprägt vorhanden ist.
WELT ONLINE: Entscheidet das den uralten Streit, was unser Sozialverhalten formt – Umwelt oder Genetik?
Wynn: Menschen wie viele Tierarten leben in sozialen Gruppierungen. Sie müssen beständig Entscheidungen treffen, mit welchen Angehörigen ihrer Gruppe sie agieren wollen oder nicht, wer ein guter Sozialpartner ist, mit dem sie Kontakt pflegen wollen und wen sie lieber vermeiden. Meines Erachtens stehen jetzt diejenigen in der Beweispflicht, die solche sozialen Verhaltensweisen mit den Einflüssen der Umwelt erklären wollen. Unsere Ergebnisse zeigen doch sehr stark, dass wir es mit einer bereits vorhandenen Fähigkeit zu tun haben.
WELT ONLINE: Dann gäbe es ein „eingebautes“ moralisches Empfinden?
Wynn: Positives Sozialverhalten muss nicht eindeutig moralisch sein. Es ist vielmehr eine Frage des eigenen Vorteils oder sogar Überlebens. Babys sind absolut hilflos – und obendrein sehr anstrengend. Eigentlich spricht sehr viel gegen sie. Also sind sie abhängig davon, sich in ein soziales Netz einzufügen, das sie mit allen physischen und emotionalen Notwendigkeiten versorgt. Deshalb brauchen sie – wie eben alle anderen sozialen Spezies – eine eingebaute Fähigkeit, gute Sozialpartner eindeutig zu identifizieren und sie für sich zu gewinnen. Es gibt starke evolutionäre Gründe, sich an jene zu halten, die sich einfügen, und jene zu meiden, die diese „Sozialverträge“ nur zu ihren eigenen Gunsten ausnutzen.
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http://www.welt.de/wissenschaft/article1847275/.html#reqNL
Quelle: Welt-online
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